Emma Ihrer 1857-1911

von Claudia v. Gélieu

Concordia-Apotheke historisch

Von 1887 bis 1894 lebte Emma Ihrer zusammen mit ihrem Ehemann Emanuel Ihrer in der Veltener Apotheke. Sie tauften die neue Apotheke „Concordia“. Einigkeit war auch das Motto der Arbeiterbewegung, in deren Reihen sich Emma Ihrer engagierte. In der proletarischen Frauenbewegung gehörte sie zu den Wegbereiterinnen und Führerinnen.

In Berlin hatte Emma Ihrer 1881 den „Frauenhilfsverein für Handarbeiterinnen“ und 1885 den „Verein für die Interessen der Arbeiterinnen“ mitbegründet. Von Velten aus war sie weiter unterwegs als sozialdemokratische Agitatorin und Rednerin zu Frauenfragen. Ende 1890 initiierte sie die erste Arbeiterinnenzeitung Deutschlands. Velten war als Erscheinungsort im Kopf von „Die Arbeiterin. Zeitschrift für die Interessen der Frauen und Mädchen“ angegeben. Das Motto der ersten Ausgabe lautete „Einheit macht stark – Bildung macht frei“. Die Veltener Apotheke blieb Sitz der wöchentlich erscheinenden Zeitschrift bis 1892 Clara Zetkin als Redakteurin für „Die Gleichheit“ eingestellt wurde.

In Velten setzte sich Emma Ihrer für die Belange der in der Ofen- und Kachelunternehmen Beschäftigten ein. Sie organisierte gewerkschaftliche und sozialdemokratische Versammlungen. Referenten von außerhalb übernachteten in der Apotheke. In einem Polizeibericht von 1889 wird der „förderliche Einfluss auf das hiesige sozialdemokratische Treiben seit dem Aufenthalt der Frau Ihrer“ hervorgehoben. Emanuel Ihrer, dem Apotheker, wurde als „unverzeihliche Schwäche“ vorgeworfen, dass er dem „Gebaren seiner Ehefrau“ keinen Einhalt gebot. Er gehörte dem konservativen Wahlverein in Velten an, doch die „Lauterkeit seiner Gesinnung“ wurde angezweifelt.

Wie es überhaupt zur Vergabe einer Apothekenkonzession an den Ehemann einer sozialistischen Agitatorin hatte kommen können, konnten die Behörden auch nach ausführlichen Untersuchungen nicht klären. Emanuel Ihrer kam dem drohenden Konzessionsentzug zuvor und verpachtete die Apotheke. Als offiziellen Grund gab er hierfür sein Alter von knapp sechzig Jahren und seinen Gesundheitszustand an.

In der Veltener Zeitung meldete am 1. Mai 1994: „Velten ist am gestrigen Tag um zwei berühmte Personen ärmer geworden. Frau Emma Ihrer wanderte gen Pankow und Gendarm Ahrens an die niederländische Grenze. Beide Persönlichkeiten zogen, solange sie in Velten waren, auf Kriegspfaden gegeneinander. Ihre Auswanderung fast zu gleicher Zeit gibt ihrem beiderseitigen Wirken einen versöhnlichen Ausklang. Die Veltener Apotheke hat Herr Ihrer bekanntlich vom 1. Mai an Herrn Apotheker Möller verpachtet.“

Von den Einnahmen aus der Veltener Apotheke konnten die Ihrers nicht nur leben. In Pankow erwarb Emanuel Ihrer zusammen mit dem Gewerkschaftsvorsitzenden Carl Legien ein Haus. Emma Ihrer, eine Schuhmacherstochter, die als Putzmacherin gearbeitet hatte, blieb finanziell abgesichert und konnte sich weiter ganz der Arbeit in der proletarischen Frauenbewegung, der SPD und den Gewerkschaften widmen. Soweit es ihre Mittel erlaubten, unterstützten die Ihrers auch andere. Das geht aus den Nachrufen für Emma Ihrer hervor.